Der Frost liegt wie feiner Zucker auf den Dächern, als Emmy an diesem Morgen hinaus in
den klaren Dezembertag tritt. Ihr Atem malt kleine Wolken in die Luft, während der
Schnee unter ihren Stiefeln knirscht. In ihrer Tasche steckt – wie immer – das Detektivheft
und ihr Herz pocht erwartungsvoll. Heute will sie weiterforschen, vielleicht ergibt sich
endlich eine neue Spur.
Als sie durch die stillen Straßen läuft, hört sie nur das leise Knacken der vereisten Äste und
irgendwo das ferne Läuten einer Kirchenglocke. Da fällt ihr ein Mann auf, der vor seinem
Gartenzaun steht: Herr Schwarz. Der Name passt, denkt Emmy insgeheim, denn sein
Gesicht ist so finster wie der Winterhimmel vor einem Schneesturm.
Mit verbissener Miene fegt er die gefrorenen Äste vom Gehweg. Kein Licht, keine Deko
ziert sein Haus – kein Kranz, kein Stern. Nur graue Stille.
Emmy zögert, dann tritt sie entschlossen näher.
„Guten Morgen, Herr Schwarz“, sagt sie freundlich. „Ich bin auf dem Weg zu den Lindners,
um bei der Suche nach dem Weihnachtsstern zu helfen. Haben Sie vielleicht etwas
Verdächtiges bemerkt?“
Herr Schwarz hebt den Kopf, seine braunen Augen blitzen kurz. „Weihnachten,
Weihnachten …“, brummt er und stößt den Besen mit Nachdruck in den Schnee. „So ein
Wirbel um ein Stück Blech. Ich verstehe nicht, warum alle so ein Theater machen!?“
Emmy zieht den Schal fester um den Hals und hält den Blick stand. „Manchmal steckt in
Dingen, die alt und unscheinbar wirken, etwas Bedeutendes“, sagt sie leise.
Herr Schwarz schnaubt nur, wendet sich ab und murmelt etwas, das sie nicht versteht. Als
sie schon weitergehen will, hört sie hinter sich ein leises Klingeln. Sie dreht sich um – da,
ein kleines goldenes Glöckchen rollt über den Boden, halb im Schnee vergraben.
„Sie haben etwas verloren!“, ruft sie, doch Herr Schwarz reagiert nicht. Stattdessen schiebt
er das Glöckchen hastig mit dem Besen beiseite und fegt darüber, als wäre nichts
geschehen.
Ein Verdacht flackert in Emmys Gedanken. Zufall? Oder mehr?
Ein seltsames Gefühl breitet sich in Emmys Brust aus. Sie bedankt sich knapp und geht
weiter, aber in ihrem Kopf kreisen die Gedanken. Warum war er so ignorant? Und woher
kam das Glöckchen?
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch stapft sie durch den Schnee, bis das vertraute Haus
der Lindners vor ihr auftaucht – festlich geschmückt, mit Lichtern im Fenster und dem
großen Baum im Vorgarten, der wie ein Wächter über alles wacht …